Über Armut…
Ganz Deutschland diskutiert über Leistungträger. Darüber, wer Leistungsträger ist. Manchmal, das sind dann ganz schlaue Leute, diskutiert man darüber, wer wen für einen Leistungsträger hält. Und manchmal, ganz selten, fällt auch mal jemandem auf, dass es Leute gibt, die ihre Definition von „Leistungsträger“ häufiger wechseln als ihre Plinte.
Eigentlich interessiert das aber keinen. Ach ja, da gibt’s auch noch die rhetorisch bewanderten Kabarettisten, die die Westerwelle-Deutung von Leistungsträger durch den Kakao ziehen wollten, und meinten, ein Leistungsträger ist jemand, der Leistungen wegträgt. Vom deutschen Staat aufs Schweizer Nummernkonto.
Was mich aber wirklich interessiert, was mir persönlich einen derben Kotzreiz beschert, ist nicht der Begriff Leistungsträger, egal, ob man damit die Kinderkrankenschwester oder den Müllmann meint oder die schwarze Putzfrau bei McDreck, die auch noch um ihren offiziellen Scheiß-Lohn betrogen wird, oder ob das ein Banker, Manager oder einer meiner liebsten Parasiten aus der Gilde der Börsenanalysten ist. Ich krieg’ Pickel vom Begriff „sozial schwach“. Was heißt denn bitte „sozial schwach“?
Was macht man als Student, wenn man was nicht weiß? Klar, de.wikipedia.org. Und was kommt da, wenn man eintippt „sozial schwach“? Da erscheint der Artikel zum Thema Armut. Und da wird dann auch recht ordentlich erklärt, dass man zwischen absoluter Armut und relativer Armut unterscheiden kann, zwischen transitorischer und struktureller Armut, zwischen bekämpfter und verdeckter Armut (warum nicht noch zwischen nicht verdeckter, aber trotzdem nicht bekämpfter Armut?) und was man nicht alles an soziologischen Fachbegriffen einwerfen könnte. Aber man spricht höchstens von Armut, aber nicht von „Armen“. Die heißen „sozial schwach“. Was, da sagt einer, da wären Arme auf der Straße? SOZIALNAZI, das ist doch Diskriminierung, das heißt sozial schwach. Und warum? Klar, der Neger heißt auch schon lange nicht mehr Neger und neuerdings nicht mehr Schwarzer sondern Maximalpigmentierter mit überwiegend transäquatorialem Gen-Hintergrund. Geht’s noch? All diese beschissenen Umschreibungen, bei denen man sich um das Problem drückt und sich manchmal noch verhaspelt, sie widern mich an. Damit ist doch keinem geholfen. Schon mal mit ‘nem Afrikaner gesprochen? Vielleicht sollte man ihn nicht mit „Nigger“ anreden, aber ob man sie als Schwarze, oder als Afrikaner bezeichnet, dürfte doch den meisten ziemlich wurscht sein. Es wird ihnen aber lieber sein, als wenn, mit süß-säuerlichem Gesichtsausdruck und gekräuselter Oberlippe, das Wörtchen „Maximalpigmentierter“ von der Zunge kriecht, wie der leicht pelzige Belag nach durchzechter Nacht.
Genauso ist es mit dem „sozial Schwachen“. Es ist, rein sachlich, vollkommen gleich, ob man ihn „arm“ nennt, oder „finanziell im Bevölkerungsdurchschnitt schlechter positioniert“. Man könnte doch einfach mal sagen: „Arm!“ Aber mal nicht als Stigma, wie „sozial Schwach“. Wer hat sich den Scheiß ausgedacht? Menschen denken nicht rein sachlich. Und „sozial Schwach“ hört sich nicht an wie „arm“ – es hört sich an wie „kurz vor asozial“. Knapp über’m räudigen Köter und lästig wie Scheiße am Absatz. Das klingt so, als wäre man schon ein Schmarotzer, wenn man den Arbeitsplatz verloren hat. Das ist von einigen Leuten, deren Klientel ich in diesem Artikel schon mit Namensbezug andeutete, vielleicht, ich glaube sogar, relativ sicher so gewollt. Warum macht man also mit in diesem Spiel? Es ist kein Spiel. Es ist eine subtile Beeinflussung von Gedanken. Wer arme Leute sieht, und den Begriff „arm“ nicht mehr denken kann, sondern nur noch „sozial schwach“, wer wollte denn auf die Idee kommen, dass es trotzdem noch normale Menschen sind? Nein nein, die sind wahrscheinlich mit Verlust des Arbeitsplatzes wieder zum Saufen übergegangen, zum Kinder verprügeln oder gleich ficken. Und danach pöbeln sie im Zug rum und kotzen auf den Bahnsteig. Richtig, das sind sozial Schwache. Genauso wie das ganze Pack, das sich darin übt, Arbeitslose der spätrömischen Dekadenz zu bezichtigen, während sie sich an Hummer, Champagner feinen Häppchen, äh, ich meine, Canapés labt, das ihre Erbschaften für selbstständig hart erarbeitet hält und Millionengehälter bei miesen Leistungen für angemessen. Ja, das sind alles „sozial Schwache“. Und einige davon sind sogar arm. Und es gibt Arme, die kümmern sich rührend um ihre Kinder, bemühen sich, den Mangel zu überstehen, den Optimismus nicht zu verlieren, auch wenn man sie als Zecken beschimpft. Höchste Zeit für ein ganz anderes, ein klares und differenziertes Neusprech. Die Orwellsche Version, diese diffamierende Konstruktion, die sich politische Korrektheit nennt und dahinter mühsam Vorurteile zu verbergen sucht, hat viel zu lange überlebt…




[...] lowestfrequency-Blogs und schreibt dort regelmäßig Zeitkri-tisches. Der vorliegende Artikel ist im Original bei ihm [...]
sehr gut geschrieben!!!
ein sehr wahrer und beeindruckender Text-wow
warum kann so etwas nicht mal im “Videotext” der Verblödungssender stehen?
Leider bleibt es nur ein Wunschtraum aber die Hoffnung wächst stetig, dass immer mehr Menschen aufwachen-(hoffe ich zumindest)!
Wir leben halt nur auf dem Papier in einem Sozialstaat. Gedanklich würden doch Viele (unzugegebenerweise) lieber in einem Asozialstaat leben, in dem die jenigen, die nicht dem etablierten Idealmodell der (modernen Performer-)Gesellschaft entsprechen, in Ghettos weggesperrt werden. So viel Hetzjagd, wie einige politische Eliten gegen Arbeitlose betreiben und den Hartz IV Empfänger als Feindbild des hart arbeitenden Geringverdieners propagieren, lässt einen manchmal an (gottseidank) vergangene Zeiten unseres Staates denken.