Filmempfehlung: Anvil
„That’s dedication, Pal!“
Was macht einen Traum aus? Was bedeutet Hingabe? Steve Kudlow, genannt „Lips“ und Robb Reiner träumen seit über 30 Jahren, ohne dass ihre Hingabe, ihre Mühen und Entbehrungen von Erfolg gekrönt wären. Sie gründeten die Metal-Band Anvil.
Der gleichnamige Dokumentarfilm beginnt wie viele Bandbiographien: Ein paar bekannte Rock- und Metal-Größen (Lemmy von Motörhead, Slash von Guns & Roses etc.) im Interview, die sich allesamt wundern, dass Anvil es nie ganz nach oben geschafft haben. Es folgen Aufnahmen aus den frühen 80ern, in denen die Mannen von Anvil sicher zum Härtesten und Durchgeknalltesten gehörten, was auf Bühnen zu sehen war. Nicht nur für damalige Verhältnisse boten Anvil eine erstklassige Live-Show. Exemplarisch dafür steht Lips, der immer in Bondage-Geschirr auftrat und seine Flying V nicht nur in Hendrix-Marnier mit den Zähnen spielen kann, sondern auch mit einem Vibrator – Anvil setzten showtechnisch neue Maßstäbe. Die heute erfolgreichsten Metal-Größen, von Metallica über Anthrax bis hin zu Slayer, allesamt zählen sie Anvil zu ihren maßgeblich prägenden Einflüssen. Und während diese Kapellen Millionen Platten verkauften und in aller Herren Länder von Tausenden und Zehntausenden gefeiert wurden, ging die Geschichte von Anvil einen anderen Weg – den in die kommerzielle Bedeutungslosigkeit.
Lemmy mag Erfolg damit definieren, das Richtige am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu machen, aber es erklärt doch nur sehr dürftig, warum Hetfield, Ulrich und Co zu Multimillionären aufstiegen, während sich Lips als Fahrer für Essen auf Rädern verdingen muss, Robb Reiner schuftet auf dem Bau, andere Mitglieder konnten sich von ihrem Gelderwerb nicht einmal ein Haus leisten, sondern nur eine Garage für seine Habe. Seit Jahren werden sie von ihren Familien ausgehalten, nehmen Urlaub für die Auftritte, bekommen noch von Verwandten Geld für Albumaufnahmen… der Erfolg lässt, von einigen wenigen Ausnahmen, auf sich warten. Und während die Familien immer ungeduldiger werden, und auch die Musiker ganz offensichtlich älter werden und auf den Erfolg warten, scheint niemand mehr die Hoffnung zu teilen (teilweise nicht einmal sie selbst), dass Anvil den Metal-Olymp noch erklimmen. Doch dann gibt es überraschend doch wieder ein Konzert, und die ganze Traurigkeit entweicht aus Steves Gesicht, geschäftig und offensichtlich vollkommen überwältigt von diesem Glück macht er sich an die Planungen.
Da sind diese weltfremden, komischen, durchgeknallten Typen von Nebenan, mit ihrem vollkommen unverständlichen Optimismus, der ihnen nicht vergangen ist. Sie verfahren sich in Prag, werden nicht bezahlt, verpassen Züge, und finden Hallen für Zehntausend mit nicht einmal 200 Gästen vor. Tiziana, ein Fan, die ein Verhältnis mit einem der Gitarristen hatte, hatte die Tour gebucht, war fortan Managerin von Anvil vollkommen überfordert mit derlei Problemen. Trotzdem machen Anvil weiter, können sogar ihren favorisierten Produzenten in England für eine CD-Produktion gewinnen, der Sound übertrifft alles Vorhergegangene, aber keine Plattenfirma zeigt Interesse.
So wachsen einem die tragischen Helden aus Kanada in den 80 Minuten regelrecht ans Herz, jeder weitere Niederschlag, einer skurriler als der andere, lässt die Sympathie wachsen für diese Typen mit Ecken und Kanten. Auch wenn die Familien, die Frauen, Kinder, Geschwister, Eltern, Freunde immer wieder ungeduldig werden, im Zweifel kommt von dort die Unterstützung, die die beiden brauchen, die Lips zu Tränen rührt. Als das eigentliche Thema des Films offenbart sich als die Loyalität, der Respekt, die Liebe, die die Musiker zusammengehalten hat, die diese Geschichte überhaupt erst möglich gemacht hat. Gegen diese Typen mit Herz können all die Metal-Millionäre, die ihre Bands mit Therapeuten, Beratern und weiß ich nicht was für Gedöns zusammenhalten, die sich nicht einmal mehr ihre Songs selbst schreiben und ihre Alben selbst konzipieren und benennen, schlicht und einfach einpacken. Diese auf Hochglanz polierten Figuren sehen äußerst blass aus gegen Lips und Robb, die mit allen Macken und Eigenheiten authentisch sind; es ist einfach schön, die beiden träumen zu sehen.
Daher, um ein wenig im Duktus zu bleiben: Ansehen, oder kacken gehn! Um mit einigen Worten nach Steve „Lips“ Kudlow zu schließen:
„Damit eine Tour schieflaufen kann, muss es erstmal eine Tour geben!“
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~ von lowestfrequency - 12. April 2010.
Veröffentlicht in Diarium, Medien
Schlagwörter: Anvil, Band-Doku, Dokumentarfilm, Dokumentation, Film, Kanada, Katastrophen, Medien, Metal, Musik, Musik-Industrie, Optimismus, Traum



