Kleine Einheitenrechnung…
Oh nein, die Welt geht unter, wenn sie nicht sogar auseinanderfliegt. Das wäre ja prinzipiell möglich, wenn man in bester BILD-Marnier verkündet, das katastrophale Erdbeben in Chile (hey, macht mal halblang, für die läppischen 800 Toten wärt ihr doch in Haiti einfach liegengeblieben) habe UNWIDERRUFLICH den Lauf der Welt verändert („Chile-Beben hat Erd-Achse verschoben“).
Also nur der Vollständigkeit halber: Wenn man schon die Pirouetten drehende Eisläuferin bemüht, um die Auswirkungen von Trägheitsmomenten auf die Drehgeschwindigkeit zu erläutern, dann möchte ich mal darauf hinweisen, dass natürlich auch der Ursprungszustand wieder hergestellt werden kann. Das wäre ja in etwa so, als könnte die Eisläuferin, einmal die Arme eingezogen, selbige nicht wieder ausstrecken, um ihre Drehgeschwindigkeit zu verlangsamen. (Kurze physikalische Erklärung: Eine Eisläuferin hat bei ihrer Drehung eine konstante Rotationsenergie (Reibung etc. wird vernachlässigt). Streckt sie nun die Arme aus, erhöht sich damit das Trägheitsmoment ihres Körpers, da ihre Arme nun weiter von der Drehachse entfernt sind (Das Trägheitsmoment ist definiert als die Summe aller Massen, jeweils multipliziert mit dem Abstand dieser Massen von der Drehachse zum Quadrat). Die Rotationsenergie, die ja gleich bleiben muss, ist nun 0,5 mal das eben beschriebene Trägheitsmoment mal die quadratische Winkelgeschwindigkeit (der Winkel, um den sich die Läuferin dreht, pro Zeiteinheit). Soll also die Energie gleich bleiben, wenn man das Trägheitsmoment erhöht, so muss sich natürlich die Winkelgeschwindigkeit erhöhen und umgekehrt.)
Soviel zu den Grundzügen der Physik. Bei der Erde ist es noch etwas komplizierter, weil es noch den Drehimpuls gibt und der ist ein bisschen komplizierter zu berechnen, weil die Erdachse geneigt ist und der Mond ja auch noch da ist und die Erde samt Mond noch um die Erde kreist, aber, was wichtig ist: Unumkehrbar ist hier erstmal gar nichts. Es wäre nur etwas energieintensiv, genügend Masse so umzuschichten, dass die Tage wieder 1,26 Mikrosekunden länger werden.
Was aber schon physikalisch schwachsinnig ist, ist eine Angabe von Neigung in Zentimetern. So etwas wird in Winkeln angegeben. Wie wollte man sich das vorstellen? Wenn man jetzt, was ich vermute, diese 8 Zentimeter auf die Verschiebung der Erdoberfläche bezieht, ergibt sich bei einem mittleren Erdradius von 6371 km auf eine Verschiebung von einer Zweimilliardstel-Umdrehung. Das ist ein Winkel von 0,00000072 °. Macht also nicht so viel aus… Nur, um mal zu verdeutlichen, wie blöd die Angabe von Neigung in Zentimetern ist: Man stelle sich vor, man wollte einen festen Punkt auf der Oberfläche einer Murmel um 8 Zentimeter drehen. Nun ja, bei einer großen Murmel mit 1 cm Radius müsste man die Kugel knapp 1,3 mal um sich selbst drehen. Wenn sich die Erdachse derartig gedreht hätte, müsste sich heute niemand mehr sorgen machen um unsinnige oder falsche Einheiten. Bis dahin, liebe BILD-Redaktion: Mehr Physik, weniger abschreiben…
(Auf eine Verlinkung zum Artikel „Chile-Beben hat Erdachse verschoben“ wird, wie üblich, verzichtet.)



