Lügen gegen Ahnungslosigkeit – Der Bildungsstreik geht weiter
Der Bildungsstreik wird wieder aufgelegt, diverse Hörsäle sind besetzt, manche auch schon wieder geräumt. Angeheizt von den Unruhen in Österreich, von, gewannen auch hiesige Studierendenschaften wieder neuen Mut, auf der Straße ihren Unmut zu formulieren.
Womit wir auch schon beim Problem wären. Ich zweifle weder an den Motiven der Studenten, noch an der Richtigkeit der meisten Punkte. So viel, wie von politischer und wirtschaftlicher Seite in dieser causa gelogen wird, ist lautstarker Protest mehr als angebracht. Wenn NRW-Wissenschaftsminister Pinkwart (FDP) einer SPD-Abgeordneten Irreführung „durch falsche Behauptungen“ vorwirft, wenn sie sich mit dem Protest gegen Studiengebühren solidarisiert, und überdies noch behauptet, Studium und Lehre hätten sich durch die Einführung des Bachelor/Master-Systems verbessert, mag man krudere Argumentationsweisen kaum mehr finden. Zum einen haben Studiengebühren im Wesentlichen einen abschreckenden Effekt (besonders gut, wenn man mehr Leute an die Unis bekommen will), abgesehen davon, dass das Land seine eigenen Vorgaben bezüglich Bildungsausgaben nicht erfüllt, zum anderen hat das gestufte System nachweislich bisher nur zu erhöhten psychischen, Sucht- und Stresserkrankungen unter Studenten geführt, eine Verbesserung der Lehre durch die Komprimierung des Stoffes und die hohe Prüfungsdichte konnte bislang nicht ansatzweise belegt werden. Dazu kommt auch, dass wesentliche Ziele der Reform, wie etwa die Mobilität zwischen deutschen Unis, aber auch international, zu erhöhen, verfehlt wurden, die Indikatoren gingen sogar deutlich zurück anstatt zu steigen. Ein innerdeutscher Uni-Wechsel ist genauso schwierig wie zuvor (nur natürlich, da jede Uni ein bisschen ihr eigenes Süppchen kocht und fremde Module daher nur bedingt anerkennt), der Teil der Studenten mit Auslandsaufenthalten ging von über 20% auf unter 15 % zurück, kaum jemand geht noch ins Ausland, wenn die Modularisierung des Studiums den Studienplan mustergültig versteift und erstarren lässt. Dazu ist die Quotierung, die zusätzlich potentielle Master-Absolventen abschöpft, völlig irrsinnig, die Logik dahinter konnte nur von völlig verblendeten Leuten kommen – wie anteilige Beschränkung des Master-Zuganges mehr Schulabsolventen an die Hochschule bringen soll, wenn ohne Master gar kein Beruf sinnvoll aufzunehmen ist, blieb bis heute zu erklären. (Darüber hinaus verschärft diese Maßnahme sogar die ohnehin prekäre Lage am Ausbildungsmarkt, denn jeder Doch-Nicht-Student bedeutet einen Ausbildungsplatz weniger für Schulabgänger mit geringerer Qualifikation.)
Warum tröpfelt der Protest der Studenten in manchen Städten wie Dortmund also so lahm vor sich hin, anstatt machtvoll gegen die Tore der zuständigen Ministerien zu branden, oder eindrucksvoll ganze Hörsaalkomplexe einzunehmen und den Betrieb öffentlichkeitswirksam zu stören? Warum finden sich nur einige versprengte Hundert junge Menschen ein?
Der erste, und wohl gewichtigste Grund: Wenn keine oder nur geringe geisteswissenschaftliche Anteile an der Hochschule vorhanden sind, wird der Protest ohnehin geschwächt. Wer protestiert schon, wenn er selbst nicht ansatzweise vom wirtschaftsorientierten Umbau der Hochschulen (auch bekannt unter dem Kampfbegriff „neoliberale Verwertungslogik“ bekannt) gestört ist, vielleicht sogar zu den Nutznießern der Reform gehört? Am besten wird der Unterschied in NRW am Beispiel Dortmund und Münster klar. Münster als altehrwürdige Universität mit hohem geisteswissenschaftlichem Teil in einer Stadt,, in der zudem viele Studenten auch unter der Woche wohnen, die also im Gesamtbild sehr von Studenten geprägt ist, ist der Protest leichter anzufachen als in Dortmund, wo das Verhältnis von Studenten zu Einwohnern eh schon weitaus geringer ist, wo zudem viele Leute pendeln. Münster, von Philosophie und anderen tendentiell sehr politischen Fächern geprägt, befinden sich in Dortmund die Technische Universität und die ebenfalls von Technik (und Design) geprägte Fachhochschule, beides sicher keine Garanten für politisches Interesse per angestrebter Profession.
Doch auch inhaltlich ergeben sich deutliche Probleme. Nr.1: Die fehlende Beschränkung auf Kernthemen. Vor einigen Jahren begann die Protestkultur wieder etwas Fuß zu fassen mit dem Widerstand gegen Studiengebühren, erweiterte man die geäußerte Ablehnung auch noch um das Bachelor/Master-System, die neoliberale Grundausrichtung des Studiums allgemein, und verlor sich fürderhin immer wieder im städtischen Klein-Klein. Vor allem in Dortmund war eine ausdrückliche Fixierung auf den Protest gegen eine Privatschule eher kontraproduktiv, weil ein Großteil der Studenten nichts damit anzufangen weiß, der Anteil der Demonstrationsthesen, die die potentiellen Rezipienten der Nachricht unterstützen, sinkt. Daher: Um mehr Demonstranten zu bekommen, braucht es zur Werbung erst einmal die Beschränkung auf Kernthesen. Abschaffung von Studiengebühren und Reform des Bachelor/Master-Systems bzw. Wiedereinführung des Diploms wären solche Aspekte. Für die Schüler wäre solche Punkte etwa die Abschaffung von Kopfnoten und G8. Weniger ist manchmal mehr.
Dazu können, Punkt 2, im Rahmen der Demonstrationen auch Veranstaltungen stattfinden, die sich detaillierter mit Einzelaspekten wie etwa dem Inhalt und den Folgen des Hochschulfreiheitsgesetzes in NRW (das ist das Gesetz, das höchstens mit der Freiheit von unabhängiger Lehre etwas zu tun hat, ansonsten allerdings die meisten Freiheiten, sprich Unabhängigkeiten, der Hochschulen massiv beschneidet), den Einflüssen von Medienmacht auf das kollektive Bewusstsein (als Beispiel sei nur Bertelsmann erwähnt) etc.
Ebenso muss, zum Dritten, ein Slogan her. Nicht irgendetwas. Auch wenn es Linken vielleicht nicht gern passt, dass sie auch Parolen brauchen, aber es ist so. Eine Bewegung braucht einen Leitsatz, so banal er auch, für sich gestellt, sein mag, es braucht ein Motiv, das die Leute verbindet. Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ war an sich auch banal und beliebig, doch stand es für eine Idee, ein Gesellschaftskonzept für eine Alternative vom immer noch drückenden Mief des urkonservativen Adenauer-Deutschlands. Ein solch kraftvoller Slogan, ein Motiv, ein Dogma, ein Schlachtruf, wie auch immer man es bezeichnen will, ein Ausdruck der Grundausrichtung, der Basisprinzipien muss die inhaltlich angesprochenen Leute binden, ihnen Gemeinschaft vermitteln, emotional zusammenhalten. Auch ein aktuelles Beispiel in der Politik zeigt, dass auch gute Ziele ein Mittel der Verbreitung brauchen, einen Kitt für die kleinen Differenzen, die immer auftreten, wenn mehr als eine Meinung vorhanden ist. Das Beispiel heißt Obama. Noch vor 40 Jahren die Rassentrennung und übelste Diskriminierung, heute ist ein Schwarzer Präsident. Solch eine Entwicklung ist nur möglich mit Charisma und einem Leitspruch, der sich nach und nach zum Selbstläufer entwickelt. Was soll das „Yes, we can“ an sich bedeuten? Erstmal nichts, aber auf diesen Satz hörten Millionen. Das Ergebnis ist bekannt. Obama packt derart heiße Eisen an, die zu erwähnen vorher glatter Politischer Selbstmord waren. Das in dieser Umgebung und wir hätten die freiesten und besten Unis der Welt. Eine Welt, in der es die „Es ist allgemein anerkannt, dass [...] nicht geht“, wobei das [...] beliebig eingesetzt werden kann, egal, ob andere Länder schon längst diese Programme haben, die Einrichtung, die Regelungen, was auch immer…
Punkt 4: Mehr politisches Interesse wecken. Auch wenn’s blöd klingt: Die meisten Leute, die sich erstmal unpolitisch geben, lassen sich irgendwie doch in eine Diskussion verwickeln. Im Notfall mit etwas drastischen Formulierungen. Auch wenn vielleicht erst ein Automatismus an Abwehr entgegenkommt, weitermachen, sich nicht entmutigen lassen. Die mediale Kolportage von neoliberalen Inhalten im wissenschaftlichen Gewand funktioniert nicht anders. Das menschliche Hirn unterscheidet nicht zwischen 3 verschiedenen Rednern, die dasselbe sagen und einem Redner, der 3 mal dasselbe sagt. Deswegen: Den Inhalt stets wiederholen, bei einigen wird sicher etwas hängenbleiben. Wenn ein paar Leute das nächste mal, wenn sie den mit viel Geld verbreiteten Schwachsinn hören, merken, dass da irgendwas nicht stimmen kann und fortan ihr Oberstübchen anwerfen, dann hat die Aktion etwas gebracht.
Und zum Schluss: Mehr Kooperation. Bevor jede Uni beim Versuch scheitert, einen Hörsaal zu besetzen, lieber eine Woche lang an der einen Uni die Kräfte bündeln, in der nächsten Woche an einer anderen Uni. Ansonsten geht die Nummer an beiden Unis nach 2 Tagen spätestens den Bach runter, wenn Grün-Weiß in Sturmausrüstung auf der Matte steht.
Ich hoffe mal einfach auf Besserung. Ich hoffe auf Demo-Veranstalter, die sich beschränken können, die unverkrampft Kompromisse eingehen können, auch wenn es mal auf Emotionen hinausläuft. Ich weiß, das mögen Linke nicht. Aber es hilft doch ungemein… Und ich träume von einer politischen TU. Vielleicht noch etwas länger. Aber am Anfang steht ja immer eine Vision…




Ich hab diesen Artikel mal in einem von mir verlinkt: http://guardianoftheblind.wordpress.com/2009/11/22/der-bildungsstreik-2009-und-das-deutsche-bildungssystem/
Einzig die Überschrift deines Postes versteh ich nicht …
Ich hab deinen Beitrag schon gelesen und mich gewundert, warum kein automatischer Trackback kam… Nun ja.
Ja, die Überschrift. Wo ich mir den Text nochmal durchlese, ist es vielleicht wirklich nicht so gut rausgekommen. Ich wollte darauf anspielen, dass, so glaube ich, viele Linke nicht verstanden haben, dass auch sie ihre Anhänger emotional binden müssen. Gut, müssen vielleicht nicht, aber es hilft doch ungemein, wie man an diversen Beispielen sieht. Da kann doch der Fortschritt der beabsichtigten Veränderungen um einiges beschleunigt werden.
Trackback hatte ich auch manuell geschickt (hat aber in letzter Zeit öfter Probleme gegeben, auch bei Verlinkungen innerhalb meines Blogs selbst).
Hm, so ganz hab ich’s glaub ich immer noch nicht verstanden. Wer lügt und wer ist ahnungslos?
Ich bin der Auffassung, Leute wie Pinkwart lügen, wenn sie beispielsweise verkünden, Studiengebühren würden niemanden vom Studium abhalten, oder das gestufte System führe nicht zu mehr Prüfungsdruck oder ähnliches… Muss nicht unbedingt Pinkwart sein, aber auf jeden Fall aus der Bildungsprivatisierer-Ecke.
Im Gegenzug glaube ich, dass viele Linke nicht wahrhaben wollen, dass auch sie gegen “unsachlichen” Faktoren anfällig sind, wie etwa Ausstrahlung, Emotionale Ansprachen etc. Ich denke, Obama hat sehr viel Charisma und hat es geschafft, eine Botschaft so emotional bindend rüberzubringen, dass ein halbes Land ihm folgt. Die Pläne für die Gesundheitsreform waren vor 10 Jahren genauso gut und von 20 Jahren ebenso, aber da hat es niemand gewagt, so etwas zu sagen – es wäre politischer Selbstmord gewesen. Ich glaube, auch die Linke braucht wieder einen Leitspruch, der emotional zusammenschweißt, der rein auf Gefühlsebene Sicherheit gibt. Sonst kann der Sachhintergrund noch so gut sein, die einzelnen Akteure fühlen sich doch ein wenig unsicher, vielleicht allein… Ich denke, viele Linke sind ahnungslos, wie anfällig sie sein können, wenn jemand mit viel Charisma des Weges kommt. Charisma könnte man nutzen, zum Guten wie zum Schlechten. Beispiel: Diese Bildungsstreikdemos sind größtenteils Murks, zumindest wenn ich mir die in Dortmund anschaue, weil da Leute nur auswendig gelernte Phrasen ins Mikro brüllen. Sie haben nicht verstanden, wie man solche Botschaften rüberbringen muss. Ein studentischer Obama wäre als Redner von unschätzbarem Wert, leider dürfen meist die Leute öffentlich das Wort ergreifen, die, um mal auf meinen Begriff zu kommen, ahnungslos sind, wie sie ihren Inhalt ordentlich verkaufen sollen.