Neuer Wirtschaftsindikator – BIP überholt

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, der französische Präsident Sarkozy wolle einen neuen Indikator für Wirtschaftskraft in der Politik etablieren; ein entsprechendes Papier sei ihm kürzlich vom Nobelpreisträger Stiglitz überreicht worden.

Motivation dafür sei, dass das BIP, also die Summe aller erzeugten Sach- oder Dienstleistungswerte, die in einem Land pro Jahr produziert werden, falsch genutzt werden könnte, und wirtschaftlichen Unsinn positiv zu bewerten. Beispiele seien dafür etwa Staus, die dazu führen, dass mehr Benzin verbraucht wird für die gleiche Strecke, was das BIP erhöhen würde (und genau das würde ja positiv gesehen werden), Epidemien, die die Pharmaindustrie frohlocken lässt (übrigens nicht nur Epidemien, sondern auch die Erwartung derselben wirkt schon) oder auslaufende Öltanker, die etlichen Menschen Arbeit verschaffen beim Einsammeln der Sauerei.

Das BIP sei als Indikator wichtig, jedoch könne es nicht als universelles Mittel zur Bewertung der Wirtschaftskraft allgemein eingesetzt werden, da z.B. die o.g. Beispiele zwar das BIP steigern, nicht jedoch den Wohlstand einer Volkswirtschaft.

Ein sehr guter Ansatz. Beispielsweise könnte auch noch in diesen Indikator einfließen, dass sowohl die starke Importorientierung der USA nur auf Pump geschehen kann, was zwar viel Umsatz aber wenig Stabilität bedeutet, gleichzeitig würde aber endlich auch darauf aufmerksam gemacht, dass das (noch) deutsche Modell Exportweltmeister auch auf wackligen Beinen steht. Die Frage ist nur, welche Indikatoren noch in den Index einfließen sollten. Die Median-Verschuldung wäre m.E. noch ein Punkt, der berücksichtigt werden sollte (siehe USA), der Gini-Koeffizient (Maß für die Ungleichverteilung von Einkommen) wäre zu überdenken, genauso das Verhältnis von Median-Einkommen (evtl. noch differenziert in mehrere Einkommensgruppen) und Lebenshaltungskosten (ebenfalls differenziert nach den verschiedenen Einkommens- und damit Zielgruppen).

Andere Vorschläge der Stiglitz-Kommission waren „Einkommen, Konsum, Lebensqualität und -erwartung, Gesundheit und Freizeit“, was ich teilweise kritisch bewerte. Soll die reine Wirtschaftsleistung bewertet werden, hat die Lebensqualität der Bevölkerung ja nur begrenzt etwas damit zu tun. Dort könnte ja die Erwartung einer Epidemie den Kurs nach unten drücken, die Pharmaindustrie hätte aber, wie schon erwähnt, glänzende Zahlen zu präsentieren. Die restliche Wirtschaft hätte ja auch nicht zwangsläufig negative Folgen zu erwarten, wenn die Massenerkrankung abgewendet würde.

Ich denke, das Problem an der Schaffung des neuen Index ist seine Legitimation. Die UN hat bereits den Human Development Index, aber kein Mensch kennt diesen Index – er kommt in der täglichen Berichterstattung schlicht nicht vor. Was notwendig ist, ist eine höhere Legitimation, Wohlstand nicht nur auf wirtschaftlicher Grundlage zu definieren (selbst dort ist das BIP als Einzelindikator nicht unbedingt aussagekräftig, s.o.), sondern auch auf Umweltverträglichkeit von Wachstum, allgemein verfügbarer Gesundheitsversorgung, Bildungs- und Aufstiegschancen etc. Wenn diese Werte als wichtig genug anerkannt sind, dass ihnen ein eigener Index gewidmet wird, der in einem Atemzug mit dem BIP (oder was auch immer dann der wirtschaftliche Leitindex sein wird), dann ist ein großer Schritt geschafft. Für die reine Wirtschaftskraft ist nämlich vieles davon unmittelbar nur von geringer Bedeutung.

Wenn an dieser Stelle auch Faktoren wie etwa Gesundheit eines Volkes mit eingerechnet werden sollte (was für einen Wirtschaftsindikator sehr modern wäre), dann wäre zu überlegen, ob verschiedene Indizes für verschiedene Zeiträume eingerichtet werden. Komplizierter, aber sicher aussagekräftiger als ein Wert, der den Ist-Zustand absolut setzt und Zukunft komplett ignoriert. Auch wenn mir die Komplexität durchaus bewusst ist, und sicher Probleme auftreten werden, bezüglich der Kommunikation dieser neuen Maßstäbe in Richtung Bürger (und damit auch Wähler, der über wirtschaftlichen Erfolg eines Landes im begrenzen Maße mitentscheidet), denke ich, die Schaffung neuer Wertmaße ist unumgänglich – einzige Bedingung: sie müssen allgemein anerkannt sein, sonst werden die neuen Indizes nur Abkürzungen verbrauchen für Maße wie den HDI, den heute niemand kennt…

~ von lowestfrequency - 16. September 2009.

3 Antworten to “Neuer Wirtschaftsindikator – BIP überholt”

  1. Naja, den HDI und andere Werte kennt vor allem niemand, weil letztlich das BIP ziemlich gut bewährt hat: ziemlich jede Größe, die wir als erstrebenswert erachten, korreliert wahnsinnig stark mit dem BIP, zB. Glück, die Umwelt usw.

    Sicher: kurzfristig und insbesondere am unteren Ende der Skala (in Afrika, siehe W. Easterly) funktionieren BIP-Werte recht schlecht, aber *einen* *einzigen* Indikator für alle Probleme zu finden, ist doch ohnehin utopisch, nicht?

    Angenommen, man will da Wohlstand und Ungleichheit reinbringen, also BIP/Kopf und den Gini-Koeffizient. Wenn man das machen möchte, dann muß man irgendeinen Tradeoff zwischen Wohlstand und Ungleichheit finden, was extrem kontrovers sein dürfte: Ist der günstigste Gini-Koeffizient 0? Ab wann wird er kritisch? Oder ist nicht viel mehr das Zustandekommen des Koeffizienten ein Problem (siehe zB. wieder W. Easterly)?

    Verschiedene Daten mit Gewichtungsfaktoren zu versehen und dann auf eine gemeinsame Größe zu reduzieren, das ist im Zweifel wenig aussagekräftig — jedenfalls nicht aussagekräftiger als BIP/Kopf.

  2. Mein Reden… Das BIP ist vor allem deshalb bewährt, weil es klar definiert ist und empirisch messbar, jedoch auch noch ungenau, weil ich beispielsweise jegliche Schwarzarbeit außen vor lasse (Arbeit, die dennoch getan wird, und damit Werte, die geschaffen werden), oder auch Arbeit im Haushalt. Wenn jemand in Rente geht und fortan seine Hausarbeit selbst erledigt, sinkt das BIP, obwohl die verrichtete Arbeit nicht weniger wird.

    Dennoch, das ist vollkommen richtig, ist das liefert das BIP eine Zahl, die fest definiert ist, im Gegensatz zu kombinierten Werten, bei dem sich die Kontroversen immer um die Verhältnisse drehen werden.

    Aber genau deswegen forderte ich ja nicht einen Wert, sondern einen Wertekatalog. Diese sind zwar auch kombiniert, insofern auch kontrovers, jedoch kann man, wenn sich eine gewisse Gruppe an Staaten auf einen Index verständigt hat, dieser Index trotzdem mehr Aussagekraft bekommen als das BIP.

    Schließlich steht das BIP ja auch schon länger in der Kritik, eben weil es so viele Dinge nicht berücksichtigt. Wo wäre also der Nachteil eines anderen Index? Das BIP/Kopf sagt streng genommen über den Wohlstand einer Volkswirtschaft auch nichts aus.

    Insgesamt muss sich die Wirtschaftswissenschaft wohl auch der Tatsache stellen, dass sie keine ansatzweise exakte Wissenschaft ist – selbst das BIP als vermeintlich feste Größe ist nicht im Mindesten exakt. Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt, ist evtl. die Chance für die Bildung eines aussagekräftigeren Index da. Schwierig wird es, da sind wir uns wohl einig, aber ich halte das Ziel für sinnvoll…

  3. Zum BIP und alternativen (bisher bestehenden) Varianten zur Messung von “Wohlergehen” empfehle ich: http://www.dbresearch.de/PROD/DBR_INTERNET_DE-PROD/PROD0000000000202805.pdf

    Die Übersicht auf S.2 unten ist z.B. ganz gut. Ich denke, dass ein Indikator, der BIP, wirtschaftliche Fakttoren und die unter “Lebensqualität” genannten Faktoren mit einbezieht recht sinnvoll wäre.
    Der HDI z.B. ist ja auch recht kurz gefasst (wenige Aspekte), und andere dort genannte erscheinen mir nicht so sinnvoll oder noch nicht ausgereift.

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