Bemerkungen zu „Illner intensiv“ bezüglich der Linken
Auch schon ein paar Wochen her: „Illner intensiv“ zur Linken. Zugast waren der Autor Wladimir Kaminer, die brandenburgische Abgeordnete Diana Golze, die in ihrem Wahlkreis gegen Kanzlerkandidat Steinmeier antritt sowie Oskar Lafontaine, der im Saarland Ministerpräsident werden will (was angesichts des gestrigen Wahlergebnisses eher unwahrscheinlich ist).
Und los geht’s, wie üblich, mit einem kleinen Filmchen. Dass dieses nicht unbedingt nett ist, liegt nicht fern. Hier jedoch albert man mit Kommunisten-Zombies herum und beschwört die Radikalen (warum nicht gleich „Extremisten“) in der Partei in die Überzahl hinein. Ich möchte nur daran erinnern, dass man bei Westerwelle und seinen Finanzhalunken dieses Wort nicht in den Mund genommen hat, obwohl sicher genügend Leute diese Spitzbuben auch als radikal bezeichnen könnten, in einer anderen Richtung freilich… Und wie lächerlich macht man sich denn mit dem Vorwurf, man hätte nicht „mit dem BRD-System schmusen“ sollen? Das ist so kindisch, so hilflos. Ich dachte eigentlich, die Angst vor dem Kommunisten wäre seit ’89 vorbei (bis dahin hieß das nur immer: Der Russe); gibt’s nichts anderes, was man an dieser Partei kritisch bemerken könnte?
Auch im einleitenden Kommentar hieß es schon „Radikalopposition“. Aber warum? Da will keiner Opposition. Die wollen mitregieren, das darf man ruhig glauben. Wenn’s nach mir ginge, bräuchte man die FDP auch nicht für Wirtschaftsfragen, aber da geht man selbstverständlich davon aus, dass die meinen, sie hätten so viel Ahnung, dass sie wohl Regierungsanspruch haben.
Zum Beispiel darf man ja, wie geschehen, durchaus fragen, warum Lafontaine Sympathien für die Geiselnahmen von Managern hat. Auch den Einfluss der radikaleren Flügelkräfte darf man hinterfragen. Nur: Suggestive Fragen wie: „Haben diese Radikalen [10 Prozent, die es in jeder Partei gebe; Anm. von mir] in der Linken die Überhand genommen?“, müssen nicht sein. Solche Fragen sind zwar nicht schwer zu kontern, aber warum nicht einfach fragen, wie man den Kurs der Partei einschätzt, ob die Radikalen eher an Einfluss gewinnen oder verlieren?
Insgesamt sind die weiteren Fragen nach der Qualität der Demokratie oder nach dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan durchaus in Ordnung; das Spiel kennt man ja: Frage, Antwort, fertig. Die Konfrontation mit den Bewertungen der Wähler zu den Kompetenzen der Wähler führt aber wieder zurück zur Demokratiefrage. Hier spricht Lafontaine richtigerweise das Medienmacht an, wird aber von oben herab ermahnt, der Moderation den Vorsitz zu lassen. Westerwelle durfte eine Woche später einfach plaudern. Ausgewogen ist was anderes. Illner stellt dann aber mit einem äußerst windigen Argument die Äußerungen Lafontaines in Abrede und wendet sich sogleich einem anderen Thema zu. Dass es von einem glänzenden Rhetoriker wie Lafontaine aber wahlweise höflich oder dumm ist, nicht einfach (wie gewisse andere Talk-Gäste) wieder einzufallen, kommt in kaum einer Medienbewertung vor. Und fröhlich werden weitere Vorurteile gepflegt, die Linke sei ja nur Protestpartei. Frau Golze kommentiert zwar die angebrachte Kritik aus den eigenen Reihen nicht direkt, nutzt aber immerhin die Chance, den vorhergegangenen Punkt nochmals zu bekräftigen.
Besonders gefallen hat mir der dann folgende Coup: Da behauptet Illner, man beschäftige sich öffentlich-rechtlich (soll wohl heißen: wie mit allen anderen auch) mit der Linken, aber wie werden die Wahlkampfforderungen der Linken dann dargestellt? Als Seifenblasen von Oskar Lafontaine. Hat schon mal jemand Guido Westerwelle mit dem Hammer gesehen oder als aufgeblasenen Großbürger? Nochmals: Ich finde es nicht prinzipiell schlimm, wenn man sich kritisch, auch satirisch mit einem Parteiprogramm beschäftigt, ich bin auch niemand, der sich humorigen Darstellungen verweigert. Aber warum rügt man linke Forderungen als Seifenblasen wenn Forderungen anderer Parteien neutral dargestellt werden? Man muss sich doch entscheiden, ob man Satire machen will (dann wäre die Sendung äußerst müde) oder ob man rein sachlich Parteipositionen beleuchten und hinterfragen möchte. In letzterem Fall sind die Seifenblasen aber unter aller Sau.
Ebenso offenbart Illner wieder auf’s Neue, dass sie von diversen Sachfragen absolut keine Ahnung hat. Zwischen Bundeshaushalt und BIP sollte man durchaus unterscheiden können. 100 Mrd. €, wie sie die Linke beispielsweise einmalig investieren will, sind wirklich viel Geld. Nach der Finanzierung darf man gern fragen, das soll und muss eine kritische Sendung auch. ABER: Wurde die große Koalition durch alle Talkshows gezerrt, als sie der HRE die gleiche Summe gelinde gesagt hinten reingeblasen hat, ohne zu wissen, ob das alles ist, ob das reicht, ohne überhaupt anzustreben, einen einzelnen Cent davon wiederzusehen? Nein, da war das Führungsstärke, das war besonnenes und durchzugsstarkes Handeln. Glücklicherweise ist der Oskar von der Saar aber auch ein besonnener Redner, der die Argumentationswege der Partei nachzeichnet, der darauf hinweist, dass es durch eine Rückführung der öffentlichen Investitionen auf den Stand von 2000 begründet, was weitaus weniger abgehoben klingt, als wenn man das erste Mal einfach nur eine Eins mit neun Nullen vorgesetzt bekommt. Da fragt man auch noch Lafontaine ernsthaft, ob man immer nur Reiche zur Kasse bitten sollte, was er natürlich gleich umdreht. (Ich nehme mal an, dass es das heißen sollte – Illner sprach von Kapitalisten, aber was sollten die Menschen in Deutschland sonst sein? Zwangsläufig unterliegt man dem kapitalistischen System, wenn man sich in den üblichen Bahnen durch sein Leben bewegt.) Nein, man würde ja nicht immer nur Hartz-IV-Empfänger zur Kasse bitten, so Illner. Ja, natürlich nicht. Aber wer mit solchen Suggestivfragen anfängt, darf doch nicht so blöde aus der Wäsche gucken, wenn jemand mal den Spieß umdreht. Ich weiß nicht, ob die rhetorischen Fähigkeiten des Saarländers so unbekannt sind, aber für gewöhnlich sollte man auch wissen, wie man Spitzenpolitiker an den Hammelbeinen kriegt – so sicher nicht.
Über den Rest der Sendung muss man nicht mehr viel sagen: Die Fragen muten wieder nach alter Anti-Kommunismus-Stimmung an, die Antworten sind ruhig und sachlich. Die Argumentation, die zu Forderungen der Linken führt, wird deutlich, auch wenn Illner es manchmal lieber etwas kürzer gehabt hätte.
Resümee: Hier mal eine kritische Sendung, aber mit teilweise absolut dämlichen Fragen und mit subtiler Abwertung der Linken, dass man wirklich von Meinungsmache sprechen muss. Sachlichkeit wurde offen gewahrt, leider wurden diese Propagandamaßnahmen nicht konsequent von den Gästen angegriffen, wenn auch Golze das Luftblasen-Bild durchaus bemerkte. Dass Lafontaine nicht bezichtigt wurde, „hingeschmissen“ zu haben, ist das einzig Positive. Schon bezeichnend, wenn man es als angenehm bemerkt, wenn solch ein Schwachsinn einmal nur unterlassen wird.
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~ von lowestfrequency am 31. August 2009.
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Illners TV- Dreikampf – Fairness sieht anders aus « Guardian of the Blind schrieb dies am 12. September 2009 um 07:53 |