Kopftücher und andere eingebildete Probleme – Was PI niemals schreiben würde (II)

Häufige Kritikpunkte in der deutschen Debatte um den Islam: Das Kopftuch und oder auch Einschränkungen im schulischen Bereich vor allem bei den Mädchen. Aber wie sieht’s denn aus mit konkreten Daten? Bislang eher dürftig, aber wer suchet, der findet, und zwar beim Herausgeber der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Link).

Auf den über 400 Seiten erschöpfen sich die Forscher auf nahezu allen Bereichen, die man untersuchen könnte, angefangen bei der Zusammensetzung der Gruppe aller Muslime nach Geschlecht, Alter, Herkunftsland, etc. über Aspekte der Integration wie Sprachkenntnisse oder Erwerbsverhältnisse bis natürlich hin zum religiösen Leben, zu dem auch die Frage nach dem Kopftuch oder Aspekte des Schulunterrichts gezählt werden.

Beginnen wir mal mit dem Kopftuch: Siehe da, es verliert an Bedeutung, wie Abbildung 52 (Seite 200) zeigt:

09111_02_Muslimisches Leben abb52

Die ältere Generation hat einen größeren Anteil der überzeugten und dauerhaften Kopftuchträgerinnen als die jüngere Generation; dennoch sind es bei den Älteren gerade Mal ein Viertel, insgesamt geben gut zwei Drittel an, nie ein Kopftuch zu tragen. Bei der jüngeren Gruppe verschob sich offensichtlich ein Teil der Dauerträgerinnen Richtung „manchmal“.

Auch interessant: Abbildung 53 (Seite 201):

09111_03_Muslimisches Leben abb53

Selbst bei denjenigen Frauen, die sich als stark gläubig bezeichnen, trägt gerade Mal die Hälfte das Kopftuch, sonst noch weniger.

Das offenbart auch, dass die kopftuchtragende Frau als Versinnbildlichung des Islams unhaltbar ist – es repräsentiert schlicht nicht die Realität. (Wenn man, wie etwa PI-Fans, also Kopftuchträgerinnen als repräsentativ nimmt, macht man, wie man hier schön sieht, schon den ersten Fehler – abgesehen von den zahlreichen Fehlern, die PI sonst noch fabriziert.)

Auch wurden einige Fragen zur Schule gestellt. Häufig heißt es, muslimische Schülerinnen würden häufig von der Teilnahme an Sport- bzw. Schwimmunterricht gehindert und ihnen sei auch teilweise die Teilnahme an mehrtägigen Klassenfahrten (d.h. mit Übernachtung in der Fremde) untersagt.

Schaut man sich die dazu die Werte für den Sportunterricht (Tab. 26, S.183) an, erfährt man folgendes:

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Am gemischtgeschlechtlichen Unterricht nehmen nur 0,1 % der Schülerinnen und Schüler aus muslimischen Elternhäusern nicht teil. Es ergeben sich nur geringe Unterschiede zwischen Kindern aus muslimischem Hintergrund und Kindern aus anders religiösen Familien.

Auch beim Schwimmunterricht (Tab.27, S.184) sind nur geringe Unterschiede zu erkennen.

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Hier gaben immerhin fast 2 % der muslimischen Schülerinnen an, aus religiösen Gründen nicht teilzunehmen, sehr viel häufiger besteht das Angebot aber auch gar nicht (oft, da die Entwicklung der Pubertät diese allgemeine Einschränkung über religiöse Unterschiede hinweg gebietet).

Dazu interessant ist auch noch die Auswertung der Fragen zum Thema Sexualkundeunterricht (Tab.28, S.185).

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Hier sind die muslimischen Kinder sogar zu einem höheren Anteil anwesend, der Anteil der religiös motivierten Verweigerer ist sogar etwas kleiner als bei den nichtmuslimischen Schülern. Und das, obwohl dieses Thema als so heikel bei konservativ muslimischen Eltern gibt, deren Anteil auch oft so hoch eingeschätzt wird.

Zum Schluss noch das Thema Klassenfahrten (Tab. 30, S. 188).

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Hier sind aus religiösen Motiven geringe Unterschiede erkennbar, sehr viel häufiger besteht aber auch das Angebot gar nicht. Auffällig sind noch die „sonstigen Gründe“, die vermutlich auch noch einen Teil der religiösen Motivation deckt. Woran hingegen das sehr viel häufigere mangelnde Angebot liegt, darüber kann ich an dieser Stelle nur spekulieren. Durch bestimmte finanzschwache Milieus könnten Schulen dazu bewegt werden, das Angebot an Klassenfahrten generell einzustellen, um keinen zusätzlichen sozialen Druck zu erzeugen. Da vor allem türkischstämmige Kinder (in der Gruppe der muslimischen Kinder) aus Familien mit geringem Bildungshintergrund kommen (zu Erklären mit der Gastarbeiterwelle, die vor allem billige, ungelernte Arbeitskräfte beinhaltete), erscheint hier ein möglicher, einigermaßen plausibler Grund gegeben – dieser bedürfte jedoch noch eines Beleges.

Was man jedoch aus diesen wenigen Daten schon sieht: Der hier ansässige Islam ist in seiner Breite keinesfalls so konservativ oder rückständig, wie er oft dargestellt oder wahrgenommen wird. Vielmehr sind Tendenzen der Liberalisierung erkennbar, wenngleich geringe Differenzen messbar sind. Von gravierenden Unterschieden kann aber beileibe nicht die Rede sein, obschon man den Eindruck schnell gewinnen könnte, es handele sich bei den unterdrückten jungen Muslima um eine eine größere Gruppe. Auf die große Masse treffen die als verbreitet angenommenen Charakteristika nicht zu (dabei sind die verbliebenen, wirklich Betroffenen nicht zu vergessen, aber keinesfalls als repräsentativ für die Allgemeinheit anzunehmen). Daher kann man nur resümieren: Der sachliche Diskurs um solche Werte ist deutlich zu kurz gekommen, man sollte hier wirklich mal die Kirche im Dorf lassen.



Quellen der Bilder: oben benannte und verlinkte Studie, die Indizierung der Abbildungen bzw. Tabellen wurde aus der Studie übernommen

~ von lowestfrequency - 11. Juli 2009.

Eine Antwort to “Kopftücher und andere eingebildete Probleme – Was PI niemals schreiben würde (II)”

  1. [...] Speziell sind hierzulande meist Muslime in der Kritik, allein die Zahl der hier lebenden Muslime lässt diese Gruppe stärker aus dem bislang christlich geprägten Gesamtbild herausstechen als dies beispielsweise bei Juden der Fall ist oder auch anderen nicht abrahamitischen Religionsgruppen der Fall ist. Die häufig vorgebrachten Vorwürfe betreffen im Wesentlichen das Tragen eines Kopftuches (Hijab) bei den Frauen, im Zuge der Anschläge in New York, aber auch Madrid, London und Istanbul war ein Misstrauen gegen die Gesamtheit der Muslime zunehmend deutlich geworden, was auch gern später vorgehalten wurde. Weiterhin sind häufig geäußerte Kritikpunkte die mutmaßlich vornehmliche konservative Prägung hier lebender muslimischer Familien, die Mädchen beispielsweise die Teilnahme an Klassenfahrten, Sport- und Schwimmunterricht etc. erschwert oder vorenthält. Zu letzten Punkten kann ich auf einen früheren Beitrag verweisen, in dem ich mich bereits mit genau diesem Thema befasste (Link). [...]

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