Heute-Journal-Krisenbarometer – Pseudowissenschaft als Gehirnwäsche

Eine besondere Blüte in der deutschen Medienlandschaft ist mir schon länger aufgefallen – und ein ziemlicher Dorn im Glubscher. Es handelt sich um das sogenannte Krisenbarometer, mit dem die bundesdeutsche Öffentlichkeit nunmehr jeden Abend im Börsenteil des Heute-Journals belästigt wird. Nicht nur, dass dort mal wieder Leute gequirlten Sprechdurchfall zum Besten geben dürfen, was ich genauso gut hätte machen können, nein, es erweckt auch noch den Eindruck als wären diese Aussagen in irgendeiner Weise wissenschaftlich belegt oder auch nur ansatzweise empirisch und präzise belegbar. Das ist aber mitnichten der Fall. Anhand der Ausgabe vom 20.05.09 kann man recht gut nachvollziehen, auf welchem Niveau man sich dort bewegt. Ich habe von jedem Schritt der Animation einen Screenshot erstellt, darunter steht jeweils der entsprechende Kommentar zu diesem Bild. (Quelle: ZDF Mediathek)

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“Die Rezession schlägt auf den Arbeitsmarkt durch; im ersten Vierteljahr waren es wieder weniger als 40 Millionen Erwerbstätige.”

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“Einzig positiv: Das Kurzarbeitergeld wird verlängert.”

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“Arbeitslosigkeit ist schlecht für den Konsum. Gut hingegen, dass die Preise in den kommenden Monaten fallen werden – glaubt zumindest die Bundesbank. Wegen der gesunkenen Kosten für Energie und Rohstoffe.”

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“Mit Hertie steht ein weiteres Opfer der Kaufhauslandschaft vor dem Aus. Die 54 Filialen werden geschlossen, 2800 Mitarbeiter sind betroffen.”

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“Alles in allem ein Tag mit überwiegend schlechten Nachrichten.”

Es beginnt schon damit, dass keinerlei Belege oder auch nur Indizien (oder zumindest irgendeine Quelle) angegeben werden, die Thesen wie das Durchschlagen der Rezession untermauern würden, genauso wenig wird ein Symptom genannt. In den Nachrichten davor wurde nur die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes erwähnt, auf welches ja noch Bezug genommen wird. Aber selbst wenn man gutwilligerweise annimmt, dass es ein Symptom gibt (beispielsweise die Arbeitslosenzahlen für den Monat oder ein Konsumgutachten etc.), wäre es immer noch absoluter Unsinn, das nur auf den betreffenden Tag zu beziehen. Der Tag wird nicht schlechter, und die Krise wird nicht schlimmer, nur weil man weiß, dass meinetwegen 10000 Leute mehr auf der Straße stehen. Aber mal angenommen, es gäbe ein Symptom, dann ist es nun sehr einfach zu sagen, “die Krise” habe dies verursacht.  So allgemein könnte man das zwar vermuten, aber es gibt so viele Schwankungen, die auch ohne Krise die Arbeitslosenzahlen o. ä. schwanken lassen, so dass diese, Analyse möchte ich nicht sagen, ich nenne es mal Hypothese, immer noch nahezu jeder Grundlage entbehrt (noch dazu, weil Rezession schon sehr viel definierter ist als “die Krise”). Zum Schluss könnte man noch annehmen, es gäbe wirklich Symptome, und diese Symptome wären zweifelsfrei (was in Wirtschaftswissenschaften äußerst schwierig ist) auf einen oder mehrere genannte Gründe (wie etwa die Rezession) zurückzuführen, dann ist immer noch absolut willkürlich, welches Gewicht dieser Nachricht im Diagramm beigemessen wird. In welcher Einheit wird die Krise denn gemessen? Wie wär’s mit der Ableitung der Arbeitslosenzahlen nach der Zeit mal dem Quotienten aus Einkommensmedian und Spitzeneinkommen… ok, ich hör auf. Aus dem Diagramm könnte ich beispielsweise lesen, dass die Rezession drei Mal so schlimm ist wie die Preisrückgänge gut sind, die Hertie-Pleite ist ein Drittel mal so schlecht wie die Rezession. Wenn jetzt Hertie, Karstadt und Kaufhof pleitegehen würden, wär das also zusammen so schlimm wie die Rezession. Ääh ja, das hört sich doch nach echter Wissenschaft an…

Ich frage mich, welcher Mensch solch einen ausgemachten Blödsinn in eine Nachrichtensendung zu stecken wagt, die eigentlich besser sein sollte (ich glaube, das ist auch der eigene Anspruch der Heute-Redaktion) als der Informationsgehalt der Blöd-Zeitung. Völlig willkürlich werden hier Aspekte ausgewählt, die teilweise mit dem Tag überhaupt nichts zu tun haben, dann aber nochmals willkürlich gegeneinander gewichtet und im Wochendiagramm in Bezug zueinander gesetzt, was natürlich genauso willkürlich ist. Natürlich sind die Punkte für sich genommen gar nicht so unsinnig, aber die Beziehungen zu schnell und unbegründet zu ziehen, sollte jedem ernsthaften Journalisten den dreifachen Herzklabaster verpassen. Und das alles noch in einen Rahmen gesteckt, der noch so schön präzise und rational aussieht wie eine physikalische Formel. Bah, ekelhaft, für so einen Schrott auch noch GEZ zu bezahlen und bei der hemmungslosen Volksverblödung zuschauen zu müssen. Shame on you!

~ von lowestfrequency - 22. Mai 2009.

3 Antworten to “Heute-Journal-Krisenbarometer – Pseudowissenschaft als Gehirnwäsche”

  1. [...] – Pseudowissenschaft als Gehirnwäsche” In einem früheren Beitrag („Heute-Journal Krisenbarometer – Pseudowissenschaft als Gehirnwäsche“) habe ich mich bereits ausgiebig zum sogenannten „Krisen-Barometer“, welches seit einiger Zeit [...]

  2. [...] Nachtrag bezieht sich auf die folgenden Beiträge: Heute-Journal Krisenbarometer – Pseudowissenschaft als Gehirnwäsche Nachtrag zu „Heute-Journal Krisenbarometer – Pseudowissenschaft als [...]

  3. [...] „Heute-Journal Krisenbarometer – Pseudowissenschaft als Gehirnwäsche“ „Nachtrag zu ‘Heute-Journal Krisenbarometer – Pseudowissenschaft als Gehirnwäsche’ „ „Nachtrag (II) zu ‘Heute-Journal Krisenbarometer – Pseudowissenschaft als Gehirnwäsche’ „ [...]

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